Icon mit Link zu Bluesky
Icon mit Link zu Instagramm
Link zu den Informationen zur Barrierefreiheit

Jugendliche wissen zu wenig über den TikTok-Algorithmus

13. Mär 2026

Der TikTok-Algorithmus bietet jungen Menschen angeblich maßgeschneiderte Inhalte an, ist aber nicht transparent. Wie kompetent Jugendliche und junge Erwachsene damit umgehen und wie sie politische Informationen auf der Plattform nutzen, hat nun eine Studie des Leibniz-Instituts für Medienforschung im Rahmen der Initiative #UseTheNews untersucht. Befragt wurden vor der Bundestagswahl 2025 junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren. Die Medienwissenschaftlerin Leonie Alatassi stellt im Interview die wichtigsten Ergebnisse vor.

Deutsches Schulportal: Warum haben Sie sich unter allen Social Media speziell mit TikTok beschäftigt?
Leonie Alatassi: Zum einen sehen wir, dass TikTok immer relevanter für junge Menschen wird. Die Plattform ist außerdem interessant, weil das algorithmische Empfehlungssystem etwas anders funktioniert als auf anderen Plattformen.

Zum anderen wollten wir wissen, wie junge Menschen politische Informationen auf TikTok wahrnehmen. Aus Studien wissen wir, dass die politischen Parteien sehr aktiv auf TikTok kommunizieren. Aber es war bisher unklar, was davon junge Menschen tatsächlich wahrnehmen und wie sie es bewerten. Um mehr darüber zu erfahren, haben wir unsere Studie im Vorfeld der Bundestagswahl durchgeführt und gezielt nachgefragt.

Was ist das Besondere am Empfehlungsalgorithmus von TikTok?
Die genaue Funktionsweise kennen wir natürlich nicht. Analysen zeigen aber, dass TikTok extrem viele Daten der Nutzenden auswertet: nicht nur, wann sie Likes vergeben oder welche Videos sie teilen, sondern auch, wie lange sie Inhalte ansehen, welche Angaben ihr Profil enthält, ihre Interessen, ihr Standort, ihr Geburtsdatum und so weiter.

Außerdem wird im Vergleich zu anderen Social Media in den Empfehlungen auf der „For You Page“ weniger Inhalt von Profilen angezeigt, denen man folgt. Stattdessen erscheinen mehr Videos, die der Algorithmus empfiehlt – auch wenn man mit dem dazugehörigen Profil noch nie zu tun hatte.

Wie sind Sie bei der Studie vorgegangen?
Wir haben nicht quantitativ, sondern qualitativ gearbeitet. Wir haben also nicht eine große Anzahl Personen befragt und dann statistische Analysen durchgeführt, weil man dadurch nicht so tiefe Einblicke gewinnt wie über eine qualitative Studie mit weniger Teilnehmenden.

Zunächst haben wir in drei Großstädten Gruppeninterviews mit insgesamt 31 Personen zwischen 16 und 24 Jahren geführt. Dabei wollten wir unter anderem herausfinden, wie viel sie über das algorithmische Empfehlungssystem wissen. Dafür sollten die Teilnehmenden unter anderem ihre „For You Page“ wie ein Lieblingsgericht betrachten und überlegen, welche Zutaten dazu beitragen, dass am Ende genau das für sie beste Ergebnis herauskommt.

Etwas später folgten Einzelinterviews mit zwölf Teilnehmenden aus der ersten Phase. Diese zwölf Personen haben uns auch ihre TikTok-Nutzungsdaten zur Verfügung gestellt.

Was haben Sie über den Umgang mit dem Algorithmus herausgefunden?
Zunächst mal ist das Bewusstsein sehr hoch, dass es ein algorithmisches Empfehlungssystem gibt, das sich aus den Nutzungsdaten speist. Das sehen wir zum Beispiel an Sätzen wie „Es liegt an meinem Algorithmus, dass ich dieses Video angezeigt bekomme“. Wenn man tiefer geht und fragt, wie der Algorithmus funktioniert und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, sehen wir Unterschiede in den Altersgruppen.

Die Jugendlichen wissen vor allem, dass dabei die sogenannten Engagement-Metriken eine Rolle spielen, also zum Beispiel ihre Likes und Kommentare. Die jungen Erwachsenen haben auch diskutiert, inwiefern Standortdaten oder Hashtags eine Rolle spielen.

Wie gehen die jungen Menschen mit ihrem Wissen über den Algorithmus um?
Das ist sehr spannend! Wenn sie TikTok nutzen, ist ihnen bewusst, dass jeder Like auch eine Rückmeldung an den Algorithmus ist. Solche Handlungsoptionen wählen sie sehr gezielt, um zu beeinflussen, was für Content ihnen angezeigt wird. Zum Beispiel nutzen sie neben Likes und „Teilen“ auch den „Nicht interessiert“-Button.

Ist es nicht auch etwas unheimlich, wenn der Algorithmus die Nutzerinnen und Nutzer so gut kennt, dass er ihnen wirklich auf sie zugeschnittenen Content anbietet?
Wir haben uns auch die Emotionen angesehen, mit denen die jungen Menschen mit dem Algorithmus interagieren. Grundsätzlich bringen sie ihm eine hohe Wertschätzung entgegen, weil ihre „For You Pages“ sehr stark ihren Interessen entsprechen. Dadurch sehen sie dort Content, der sie gut unterhält und inspiriert.

Aber das ist ein zweischneidiges Schwert. Dass der Algorithmus sie so gut kennt und sie mit passendem Content zum Teil viel länger als geplant auf TikTok hält, erzeugt auch negative Emotionen: vor allem ein Gefühl von Kontrollverlust, weil der Algorithmus sie vielleicht zu gut kennt und ihnen nicht guttut.

Wie sieht es aus mit politischen Informationen? Nutzen die Teilnehmenden TikTok dafür als Quelle?
Darüber haben wir vor allem in den Einzelinterviews Einsichten gewonnen, weil wir ja auch die Nutzungsdaten einsehen konnten. Wir müssen eine aktive und eine passive Nutzung unterscheiden. Die meisten bekommen gelegentlich auch Videos mit politischem Inhalt auf der „For You Page“ angezeigt. Bei einer passiven Nutzung registrieren sie das zwar, scrollen aber gleich weiter. Eine aktive Nutzung wäre, wenn sie das Video länger ansehen, vielleicht das Profil besuchen oder nach weiteren Videos dieser Art suchen. Das ist aber eher selten.

Bei unseren Einzelinterviews hatten nur drei von zwölf Personen im Kontext der Bundestagswahl 2025 aktiv nach politischem Content gesucht, zum Beispiel nach Wahlprogrammen für junge Leute. Und die Informationen, die sie gefunden haben, waren eher oberflächlich.

Zusammengefasst kann man sagen: TikTok hat das Potenzial, über beiläufige Kontakte Follow-up-Informationsprozesse anzuregen, aber es ist in der Regel keine Plattform, auf der eine aktive und intensive Auseinandersetzung mit politischen Inhalten stattfindet.

Was für Schlüsse ziehen Sie aus den Ergebnissen?
Wir sehen, dass das Wissen über das algorithmische Empfehlungssystem noch ausbaufähig ist. Darüber sollten wir besser aufklären – erst recht, weil die Plattform ja im Leben vieler junger Menschen eine wichtige Rolle spielt, um zum Beispiel soziale Kontakte zu pflegen. Das sollte dann natürlich eine informierte Nutzung sein, damit sie wissen, welche Daten sie dabei preisgeben und wie diese verarbeitet werden. Im Moment ist das Problembewusstsein dafür noch eher gering.

Was sollten Lehrkräfte über die Nutzung von TikTok wissen und vielleicht im Unterricht ansprechen?
Die Studie ist ja im Rahmen der Initiative #UseTheNews entstanden, die die Nachrichtenkompetenz junger Menschen verbessern möchte. Aktuell werden bei #UseTheNews gemeinsam mit einer Medienpädagogin auf Basis der Studie Unterrichtskonzepte für verschiedene Altersgruppen entwickelt, damit Jugendliche besser verstehen, wie die Algorithmen funktionieren. Dabei soll es nicht nur um TikTok gehen, sondern auch um andere Plattformen mit einem algorithmischen Empfehlungssystem, zum Beispiel YouTube oder Instagram.

Datenschutzhinweis

Diese Webseite nutzt externe Komponenten: Google, Youtube und OpenStreetmap welche dazu genutzt werden können, Daten über Ihr Verhalten zu sammeln. Datenschutzinformationen